Den Weg ebnen für eine gesunde Zahnmedizin

Der Einfluss der Mundgesundheit auf die Allgemeingesundheit

 
 

Ein Interview mit Prof. Dr. Thomas Zeltner, Interims-CEO der WHO Foundation, über den Einfluss der Mundgesundheit auf die Allgemeingesundheit und die zunehmende Bedeutung einer gesunden Zahmedizin.

Das Interesse der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an der Mundgesundheit wächst. Aus welchem Grund?

Längst ist bekannt, dass die Mundgesundheit einen direkten Einfluss auf die Allgemeingesundheit hat. Pathogene Bakterien in der Mundhöhle können ins Körperinnere eindringen und die Entstehung von systemischen Erkrankungen begünstigen. Wir wissen heute, dass viele chronische Erkrankungen ihren Ursprung in der Mundhöhle haben. Aus diesem Grund gewinnt die Mundgesundheit zunehmend an Bedeutung, und das Interesse der Öffentlichkeit, der Politiker und internationaler Organisationen wächst. Die WHO bewertet fortwährend die Krankheitslast in verschiedenen Ländern. In der Global Burden of Disease Study 2017 wurde festgestellt, dass weltweit 3,5 Milliarden Menschen von Mundkrankheiten betroffen sind und dass Karies dabei die häufigste Erkrankung ist – eine Erkenntnis, die zahlreiche internationale Organisationen, darunter auch die WHO, schockiert hat. An zweiter Stelle stehen Kopfschmerzen, die oft auch mit Gesundheitsproblemen im Mund oder mit Beeinträchtigungen des Kauapparats zusammenhängen. Wir sehen also, dass die Krankheitslast enorm groß ist, wenn es um die Mundhöhle geht – weit größer als wir bisher angenommen hatten. Die WHO hat Munderkrankungen mittlerweile auch in den Index der nicht übertragbaren Krankheiten aufgenommen, da sie die gleichen Ursachen haben. Übermäßiger Zucker-, Tabak- oder Alkoholkonsum führt beispielsweise nicht nur zu Herzproblemen, sondern auch zu Erkrankungen der Mundhöhle. Weiterhin ist sich die WHO einig, dass der Mundgesundheit im Zusammenhang mit dem gesunden Altern von Bevölkerungen eine größere Bedeutung beigemessen werden muss und dass Zahnärzte die Materialien, die sie ihren Patienten in den Mund einsetzen, hinterfragen und eine nachhaltig gesunde Zahnmedizin praktizieren sollten.

Was ist Ihre aktuelle Herausforderung mit Zahnimplantaten?

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Welchen Einfluss hat die Mundgesundheit auf die Allgemeingesundheit?

In der Mundhöhle befindliche Bakterien können das Gewebe um natürliche Zähne oder  Zahnimplantate herum infizieren und schädigen.  Infolge ihrer Ausbreitung in Richtung des tieferliegenden Gewebes durchbrechen sie schließlich die beeinträchtigte epitheliale Barriere und infiltrieren so das Körperinnere. Über den Blutkreislauf beginnen pathogene Bakterien dann, sich im gesamten Körper auszubreiten, wodurch die Entstehung systemischer Erkrankungen begünstigt wird. So lassen sich heute beispielsweise kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzklappenentzündungen oftmals auf Zahninfektionen zurückführen. Problematisch sind auch Entzündungsreaktionen, die durch orale Infektionskrankheiten wie Parodontitis ausgelöst werden und die, wenn sie nicht behoben werden, zu einer Störung des Immunsystems und zur Entwicklung einer chronischen Erkrankung führen können.

Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Zahnimplantate?

Eines der größten Risiken bei Zahnimplantaten besteht darin, dass sich Nanopartikel aus dem Implantatmaterial herauslösen und im umliegenden Gewebe anreichern können, was Jahre später zu  Entzündungen des periimplantären Gewebes und im weiteren Verlauf zu einer Beeinträchtigung der Allgemeingesundheit führt. Die WHO hat festgestellt, dass insbesondere Metallimplantate mit Infektionen des periimplantären Gewebes in Verbindung gebracht werden, da sich aus diesen Nanopartikel in einem vergleichsweise hohen Maß herauslösen. Die daraus resultierenden Infektionen führen zu einer Reihe von Nebenwirkungen und Langzeitkomplikationen. Hier sehen wir wieder deutlich den Mechanismus, wie ein relativ kleines Problem, das im Mund beginnt, später zu einem Problem von viel größerer Tragweite werden kann. Außerdem werden zur Behandlung solcher Infektionen in der Regel Antibiotika verabreicht, wodurch das Risiko der Entstehung von antibiotikaresistenten Bakterien erhöht wird.

Welche Fragen sollten sich Zahnärzte stellen, bevor sie sich für ein Implantatmaterial entscheiden?

Lange Zeit waren zahnärztliche Versorgungen relativ einfach und sicher für Patienten. Die Technologien haben sich jedoch weiterentwickelt und sind zunehmend komplexer und damit potenziell gefährlicher geworden. Derzeit kommt hauptsächlich Titan als Implantatmaterial in der Implantologie zum Einsatz, gefolgt von Keramik und Polymeren. Zahnärzte sollten die verschiedenen Materialien, die ihnen zur Verfügung stehen, genau unter die Lupe nehmen und sich fragen, ob diese toxisch sind und infolge die Allgemeingesundheit ihrer Patienten beeinträchtigen. Ein Material, das in den menschlichen Körper eingesetzt wird, sollte niemals toxisch sein. Die öffentliche Debatte um Quecksilber, Amalgam und andere toxische Materialien ist noch sehr präsent. Außerdem sollten sich Zahnärzte fragen, ob die Implantatmaterialien, die sie wählen, bei ihren Patienten Infektionen begünstigen. Infektionen sollten bei der Versorgung mit Zahnimplantaten möglichst vermieden werden. Zahnimplantate sind ständigen Angriffen von Bakterien in der Mundhöhle ausgesetzt, einer Umgebung, die voll von potenziell pathogenen Bakterien ist. Wenn das gewählte Implantat keine ausreichende Abdichtung des Weichgewebes zum darunterliegenden Gewebe erreicht, steigt das Risiko einer bakteriellen Infektion erheblich. Auch sollten sich Zahnärzte fragen, ob sich aus bestimmten Implantatmaterialien mehr Nanopartikel herauslösen als aus anderen, was wiederum das Infektionsrisiko erhöht, und wie der Körper immunologisch auf die unterschiedlichen Materialien reagiert. Außerfrage steht, dass Zahnärzte ihren Patienten ein Implantatmaterial anbieten möchten, mit dem sich die angesprochenen Probleme vermeiden lassen. Wir leben in einer interessanten Zeit: Das in den letzten 50 Jahren primär verwendete Implantatmaterial Titan hat heute mit Materialien wie Zirkoniumdioxid Konkurrenz bekommen und die Wissenschaft deutet zunehmend darauf hin, dass Zirkoniumdioxid als Implantatmaterial einige signifikante Vorteile bietet.

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Warum sollten Zahnärzte ihre Materialentscheidungen zeitnah überdenken?

Ich bin derzeit an einem Forschungsprojekt beteiligt, bei dem im Rahmen von erheblichen internationalen Bemühungen die Ergebnisse von primär chirurgischen Eingriffen untersucht werden. Unser Ziel ist es, einen Konsens darüber zu schaffen, wie sich die Ergebnisse von chirurgischen Eingriffen messen lassen können, wie deren Erfolg in Bezug auf Überlebensraten, Lebensqualität und Wohlbefinden bewertet werden kann und wie sich dies der Politik gegenüber kommunizieren lässt. Am Ende sollten wir in der Lage sein, den Erfolg von chirurgischen Eingriffen in den USA beispielsweise mit dem in europäischen Ländern vergleichen zu können – dies ist nur auf der Grundlage von Vergleichsdaten möglich. Die Zahnmedizin wird mit Sicherheit ein wichtiger Bestandteil dieser Unternehmung sein. Folglich werden Zahnärzte in den kommenden Jahren stärker im Rampenlicht stehen und die von ihnen erzielten chirurgischen Behandlungsergebnisse werden sowohl von der Öffentlichkeit als auch von Politikern genauer unter die Lupe genommen werden. Auch wenn ich glaube, dass die meisten Zahnärzte froh über die zunehmende politische Aufmerksamkeit sein werden, wird es bestimmt auch manchen Zahnarzt geben, der beunruhigt darüber sein wird, dass einer strengerer Blick seitens der Politik auf den Auswirkungen seines Handeln liegt. Aus diesem Grund rate ich Zahnärzten, die Materialien, die sie ihren Patienten in den Mund einsetzen, zu hinterfragen und anzufangen, Materialien zu verwenden, die für ihre Patienten langfristig gesehen so gesund wie möglich sind. Als Ausübende von Gesundheitsberufen sind wir alle dazu angehalten, nicht nur an morgen, sondern auch an die Zukunft – an das langfristige Ergebnis – zu denken. Wir müssen den Blick für das schärfen, was in zehn Jahren passieren kann. Wir sollten öfter innehalten und uns fragen: Welchen Einfluss haben unsere Entscheidungen auf die langfristige Gesundheit unserer Patienten?

Wie genau hängt die Mundgesundheit mit gesundem Altern zusammen?

Da die Mundgesundheit einen Einfluss auf die Allgemeingesundheit hat, haben die Materialien, die Patienten in die Mundhöhle eingesetzt werden, auch einen Einfluss darauf, ob sie auf gesunde Weise altern oder nicht. Wenn bei alternden Patienten Langzeitkomplikationen infolge von zahnärztlichen Behandlungen auftreten, die beispielsweise 30 Jahre zuvor durchgeführt worden sind, wird ihre Lebensqualität erheblich beeinträchtigt. Insuffiziente Zahnprothesen und versagende Zahnimplantate gehören heute zu den größten Problemen, mit denen alternde Patienten zu kämpfen haben. Wenn man nicht mehr schmerzfrei essen kann, beginnt man, sich zunehmend zu isolieren und Depressionen zu entwickeln. Aus diesem Grund wurde vergangenen Mai im Rahmen der Weltgesundheitsversammlung eine Resolution verabschiedet, in der die Mitgliedstaaten der internationalen Gemeinschaft dazu aufgerufen wurden, auf nationaler Ebene Strategien zur Förderung der Mundgesundheit zu entwickeln und die Mundgesundheit in ihre Pläne zur Förderung des gesunden Alterns ihrer Bevölkerungen einzubeziehen. Die WHO wird ihre Fortschritte genau beobachten und sie daran messen, ob ihnen dies bis 2030 gelungen ist. Gesundes Altern ist nicht nur in einkommensstarken Ländern wie den USA oder in Europa von Priorität, sondern auch in Ländern wie China oder Indien, deren Bevölkerungen im Durchschnitt immer älter werden. Natürlich spielen biokompatible Implantatmaterialien wie Zirkoniumdioxid, mit denen Langzeitkomplikationen (wie sie bei anderen Materialien auftreten) deutlich reduziert werden können, eine wichtige Rolle bei der Förderung des gesunden Alterns.

Vielerorts scheuen sich Zahnärzte davor, Materialien zu verwenden, die noch nicht ausreichend dokumentiert sind. Was würden Sie in diesem Zusammenhang als ausreichend bezeichnen?

Zahnärzten wird grundsätzlich dazu geraten, auf medizinische Leitlinien zu warten, die in Konsenserklärungen von Wissenschaftlern, Klinikern und Experten veröffentlicht werden und auf klinischer Evidenz sowie auf Langzeitdaten beruhen. Heute begreifen wir die Ergebnisse von ein- bis dreijährigen Studien als kurzfristige Daten, die Ergebnisse von fünfjährigen Studien als mittelfristige Daten und die Ergebnisse von mindestens zehnjährigen Studien als Langzeitdaten. Allerdings ist es so, dass sich gesundheitliche Langzeitkomplikationen oft erst nach einem viel längeren Zeitraum zeigen. So sind heute Fälle bekannt, in denen Patienten, die mit radioaktiven Substanzen behandelt wurden, 30 Jahre nach der Behandlung an Krebs erkrankt sind. Ich glaube, dass die Ergebnisse von Fünf- bis Zehnjahresstudien eine sehr gute wissenschaftliche Evidenz darstellen. Zudem sind rasante wissenschaftliche Entwicklungen im Bereich der dentalen Implantologie zu erwarten. Man muss bedenken: 80 bis 90 Prozent der Wissenschaftler, die jemals gelebt haben, leben heute und 80 bis 90 Prozent aller jemals publizierten Forschungsergebnisse werden zu unseren Lebzeiten publiziert. Das wissenschaftliche Umfeld, in dem wir leben, ist unglaublich dynamisch und die Fülle an Forschungsbemühungen, die täglich unternommen werden, ist gigantisch. Die Daten zu Keramikimplantaten sind mittlerweile so überzeugend, dass ich Zahnärzten dringend ans Herz lege, sich damit auseinanderzusetzen und sie einzusetzen – nicht erst in fünf Jahren, sondern heute. In diesem Sinne möchte ich mit den Worten abschließen: Die Zukunft gehört Ihnen.


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